Weihnachten mit dem Papiermann
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Das Geheimnis vom Glück

1. September 2017

Irgendwie war er auf einmal da. Er wusste nicht warum, oder woher, aber er war da. Vorsichtig blickte er sich um. Seine Welt war weiß wie Schnee, mit schattenhaften Umrissen. Er sah Bäume und Häuser, Tiere und Menschen. Viele Menschen. Sie lachten und unterhielten sich. Waren voller Glück. Manche wirkten eher traurig oder nachdenklich. Aber so wirklich sagten ihm diese Worte nichts. Er wusste nicht, was es bedeutete traurig zu sein. Oder glücklich. Das war ihm alles fremd. Aber er wollte es wissen. Wollte dazu gehören. Diese Worte mit den anderen zusammen leben. Erleben. Fühlen. Vorsichtig richtete er sich auf. Es fühlte sich wackelig an. Ungewohnt. Aber was ist schon gewohnt, wenn man vorher noch gar nicht da war? Er sah ein Pärchen auf einer Bank sitzen, sie unterhielten sich leise. Ihre Stimmen hörten sich dumpf für ihn an. Weit weg, aber doch so nah. Der Mann nahm die Frau in den Arm und küsste sie. Das Pärchen wirkte so glücklich auf ihn. Wenn er auch glücklich sein wollte, wären diese beiden sicher gute Lehrer, dachte er sich. Also ging er zu ihnen herüber. Es machte merkwürdige Geräusche, wenn er sich bewegte, aber das musste wohl so sein. Das Pärchen bemerkte ihn dennoch zunächst nicht, so vertieft waren sie in ihren Kuss. Aber als er sich neben sie setzte, ließen sie plötzlich voneinander ab und starrten ihn an. Die Augen weit aufgerissen, der Mund offen –tiefe Höhlen des Entsetzens. Er wollte sie anlächeln, aber er konnte nicht. Irgendwas stimmte nicht. Er hob seine Hand und betastete sein Gesicht. Und jetzt wusste er, warum da kein Lächeln auf seinem Gesicht erschien. Er hatte keins. Sein Gesicht war leer. Aber er wollte diesem Pärchen zeigen, dass er sie mochte, dass er auch so sein wollte wie sie. So glücklich. Dass ihr Entsetzen ungerechtfertigt war. Also legte er all sein Wohlwollen, seine Zuneigung und seine Sehnsucht in sein ganzes Sein. Es erfüllte ihn und ließ ihn glühen. Es fühlte sich warm und gut an. Er musste strahlen, so glaubte er. Aber dennoch stand das Pärchen hastig auf und rannte davon. Dabei sahen sie sich immer wieder hektisch nach ihm um. Als hätten sie Angst, er könnte ihnen folgen. Aber er blieb sitzen. Allein. Auf der Bank. Und das Strahlen erlosch in eine Dunkelheit, die so undurchdringlich war, dass er glaubte für einen Moment blind zu sein. Jetzt wusste er wie sich Traurigkeit anfühlte. Er wusste, was das Wort bedeutet. Hatte gelernt. Dabei wollte er doch eigentlich das Glück kennen lernen.
Aber er wollte nicht aufgeben. Er wollte das Glück nicht verlieren, bevor er es überhaupt gefunden hatte. Also stand er auf und suchte nach dem Glück. Er sah es in den Augen eines Mannes, der mit seinem Hund spielte. In den Augen eines Pärchens, die ihr Baby aus dem Kinderwagen nahmen. Und in den Augen der Kinder, die gerade vom Eismann ein Eis bekamen. So viel Glück. So viel unterschiedliches Glück. Aber immer wenn er daran teilhaben wollte, erstarrten die Menschen, liefen davon, manche schrien sogar. Eine alte Dame schlug mit dem Stock nach ihm und der Schmerz jagte ihm bis tief in die untersten Schichten seines Seins. Denn es war nicht der Schmerz des Schlages, den er fühlte, sondern ein anderer Schmerz. So tief und dunkel, dass er alles verschluckte. Es war der Schmerz der Einsamkeit. Und die Einsamkeit, trug die Traurigkeit mit sich – eindringlich, verlassen, blutend.
Also gab er auf. Die Einsamkeit drückte ihn nieder. Ließ ihn verzweifeln. Es ließ sich einfach fallen, wo er war. Es sah seine Beine und seine Arme. Seine Hände und seinen Bauch. Er sah anders aus, als die anderen Menschen. Aber war das ein Grund ihn nicht zu mögen? Ihn mit Einsamkeit zu strafen?

Papiermann
Papiermann

Er blieb einfach dort sitzen, wo er war. Jetzt nahmen die vorbeilaufenden Menschen ihn gar nicht mehr war. Er verschwamm am Rande ihres Bewusstseins zu einem unbedeutenden Klumpen. Er war bereit wieder zu gehen und sich dem nächsten Regen zu ergeben. Dahinfließen zu lassen in das Nichts, aus dem er gekommen war. Die ersten Tropfen trommelten bereits auf seine weißen Beine… Aber da stand es plötzlich vor ihm. Ein Mädchen hielt einen Regenschirm über ihn und lächelte ihn an.
„Was sitzt du denn hier so alleine rum? Du wirst dich noch auflösen, wenn es weiter so regnet. Komm mit!“
Sie nahm seinen Arm und zog ihn hoch. Zuerst wollte er gar nicht mitkommen. Die Einsamkeit nagelte ihn am Boden fest. Aber dann, mit jedem Schritt, ging es besser. Er ließ die Einsamkeit hinter sich und lief ihr in den Armen des Mädchens davon. Sie brachte ihn zu sich nach Hause. Setzte ihn zu sich aufs Sofa und ließ ihn ihr Glück erleben. Und dann ergriff es auch ihn. Sprang ihn an, umspülte ihn, füllte ihn aus. Und wieder meinte er zu strahlen. Und das Mädchen sah sein Strahlen. Und sie lachte. Sie lachte so hell, dass der Papiermann nie wieder etwas anderes hören wollte.