Kurzgeschichten

Die Geburt eines Einhorns

30. September 2017

Es war einer dieser Tage, die irgendwie anders sind. So als läge ein Filter auf der Welt – tief, verhangen, grau. An diesen Tagen fiel ihr das Atmen irgendwie schwerer und die Luft schmeckte nach angebrannter Milch. Das Licht wirkte dann trübe und dunkel auf sie und alles erschien ihr verlangsamt. So als hätte die Minute plötzlich 60 Sekunden mehr. Schon gleich nach dem Aufwachen, wusste sie, dass heute so ein Tag war. Als hätte sie etwas aus ihrem Traum mitgenommen. Etwas, das nicht in diese Welt gehörte, sondern in diesen wundersamen Kosmos hinter ihren Augenlidern. Dort, wo sie ein zweites Leben führte, dass sich sofort in Luft auflöste, wenn sie die Augen aufschlug. Manchmal verflog der Filter im Laufe des Tages und manchmal hielt er sich – zäh, dunkel, wie eine Erinnerung. So wie an diesem Tag. Dann fiel ihr das Arbeiten besonders schwer. Auch das Reden und manchmal auch das Lächeln. Dabei lächelte sie gerne und oft. Aber nicht an diesem Tag.

Als sie endlich zu Hause war und hinter sich die Tür zuschlug, wollte sie eigentlich nur noch ins Bett und sich die Decke über den Kopf ziehen. Die Augen schließen und den Filter wieder dahin zurückschicken, wo er hergekommen war. Aber ihr Magen knurrte und sie machte sich zu seiner Beruhigung noch schnell ein Brot. Aber die Müdigkeit machte sie unvorsichtig. Das Brotmesser rutschte ihr vom Tisch und sie fing es reflexartig auf. Die Klinge schnitt ihr in die Handfläche. Der Schmerz durchzuckt sie und überall war Blut. Mit einem dicken Mullverband um die Hand kroch sie unter die Bettdecke. Der Hunger war verflogen. Sie wollte nur noch schlafen. Aber der Schlaf blieb so fern wie eine Galaxie am Ende des Universums. Die Luft in ihrem Schlafzimmer schien sie zu erdrücken. Die Wärme zu verbrennen. Ihre Hand pochte und Tränen schlichen sich über ihre Wangen – grundlos, einsam, verräterisch. Sie musste raus. Also rannte sie. Aus dem Schlafzimmer. Aus dem Haus. Weg. Ohne Jacke. Ohne Schuhe. Einfach rennen. Sie zog die klare Luft in ihr Innerstes. Tief und reinigend. Und es ging ihr besser. Der Filter verzog sich und sie fühlte sich wieder klar und echt. Endlich.

Und dann bemerkte sie, dass sie vor einem Wald stand. So dicht und grün, dass sie kaum einen Meter hineinschauen konnte. War er schon immer dort gewesen, oder hatte sie ihn nur nie wahrgenommen? Kleine Äste piksten sie in ihre nackten Füße als sie den Waldboden betrat. Aber es störte sie nicht. Der Duft des Waldes zog sie weiter – betörend, rein, wundersam. Die Geräusche sangen sie in eine Welt, die so fremd und doch so nah war. Als Kind hatte sie diese Welt gekannt. In ihr gelebt. Für selbstverständlich gehalten. Aber dann war sie immer mehr verblast, zu einer Erinnerung geworden, die im Vergessen endete. Und dieses Vergessen hatte ein Loch in sie gerissen – tief, schmerzlich, unvollständig. Aber jetzt füllte sie dieses Loch erneut. Sie füllte es mit dem Geruch des Waldes. Mit seinen Geheimnissen. Seiner Magie. Mit Wünschen und Ideen. Mit Fantasie und Glaube. Schritt für Schritt. Atemzug um Atemzug. Und plötzlich fühlte sie sich wieder vollständig. Ganz. Mit sich im Reinen. Sie hatte nicht gewusst, dass ihr was gefehlt hatte. Aber jetzt wurde ihr klar, dass sie die ganze Zeit danach gesucht hatte – verloren, einsam, verirrt. Sie war angekommen. Am Anfang. Dort wo alles begonnen hatte. In einer Welt, die so viel mehr war als das, von dem sie geglaubt hatte, dass sie wichtig wären. Eine Welt, die nicht nur aus ihrem Handy, ihrem Computer und den Serien bestand, die sie in unendlicher Dauerschleife absorbieren konnte. Und diese Welt war in ihr drin. So viel mehr…

 

Und dann sah sie es. Es lag dort im

Einhornfohlen

weichen Moos wie hingeworfen. Rein und weiß und zart. Sein Horn glitzerte im Sonnenlicht, das durch die Blätter tanzte. Ein Einhornfohlen. Ein Wunder. Es schaute zu ihr hinüber und seine Augen blickten so tief in sie hinein, als kenne es jeden Winkel ihres Seins. Ein Spiegel ihrer Selbst. Ehrfurcht durchströmte sie. Und Glück. Und Liebe. Unendliche Liebe. Und Dankbarkeit. Vorsichtig ging sie auf es zu, hockte sich vor es und streckte die Hand nach ihm aus. Ihre verletzte Hand, dessen Schmerz längst vergessen war. Das Einhorn schloss die Augen und rieb seinen Kopf gegen ihre Hand. Sein Fell war so weich, als wäre es aus Wolken gewebt. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Gefüllt mit verlorener Liebe, ungelebten Wünschen und nie erreichten Zielen. Und plötzlich wusste sie, dass das Einhorn ein Teil von ihr war. Geboren aus wiedergewonnener Fantasie und neuentdecktem Glauben an die Schönheit des Lebens. Sie hatte es erschaffen und nun konnte es sich entfalten, wachsen bis sein Wunder die ganze Welt überstrahlen würde. Und es stand auf. Stemmte sich auf seinen wackligen Beinen nach oben. Schwankte zuerst, bis es sicher stand. Ein erster unsicherer Schritt. Ein zweiter. Von ihr weg. Sie wusste, es musste frei sein. Nur so konnte es existieren. Unbändig, wild, wundervoll. Ein letzter Blick und dann war es in den Tiefen des Waldes verschwunden. Aber sie fühlte keine Traurigkeit. Keine Sehnsucht. Nur unendliches Glück, dass sie es gefunden hatte.


Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie nach Hause gekommen war. Wie sie in ihr Bett gelangt war. Aber als sie erwachte, war sie immer noch von dem Wunder erfüllt – satt, zufrieden, lächelnd. War alles ein Traum gewesen?
In der Küche entdeckte sie das Messer und ihr Blut. Aber es machte ihr nichts aus. Denn an ihrer Hand war kein Verband mehr zu sehen. Er war verschwunden. Genau wie der Schnitt. Als wäre er nie da gewesen.