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Warum malst du so viele tote Menschen?

9. Januar 2019

Als ich eines Abends mal wieder an einem Portrait sitze, kommt meine 8-jährige Tochter vorbei. Sie schaut auf das Bild und fragt mich: „Ist das Kind, das du da malst, tot?“
Ich schaue sie an und überlege kurz, was ich antworten soll. Bei den Sternenkindbildern, die ich male, ist es ihr immer klar, dass es sich um gegangene Seelen handelt. Sollte ich jetzt lieber lügen? Das Kind, über dem mein Pinsel schwebt, sieht auf dem Bild glücklich und zufrieden aus. Eine Momentaufnahme des Lebens. Sie würde mir glauben, wenn ich ihr sage, dass es lebt. Dass es so wie sie auf Bäume klettert. Wie sie die weitesten Sprünge vollführt. Wie sie mit Hingabe an einem Lolly lutscht. Aber es stimmt nicht. Dieses Kind hat dies alles nicht erleben dürfen. Also entscheide ich mich für die Wahrheit: „Ja“, sage ich mit einem Klos im Hals.
„Warum?“, fragt meine Tochter.
„Ich weiß es nicht genau“, antworte ich. „Manchmal endet ein Leben einfach, ohne gelebt worden zu sein. Da gibt es dann keine Erklärung für.“
Meine Tochter nickt, als würde sie es verstehen. Dabei verstehe ich es selbst eigentlich nicht. Werde es nie verstehen.
„Warum malst du so viele tote Menschen“, fragt sie nun.
„Ich weiß es nicht“, antworte ich. Sie nickt und geht davon.
Aber ihre Frage beschäftigt mich, während ich meinen zarten Pinsel über das blütenreine Papier streiche. Und weil Kinder oft Fragen stellen, die den Kern der Sache treffen. Einfach weil sie sich trauen zu fragen und noch nicht durch Konventionen, Scham und Angst ihre Gefühle und Gedanken kontrollieren, denke ich darüber nach. Während unter meinem Pinsel ein Kind entsteht, formt sich mit jedem Farbauftrag eine Antwort in mir. Nicht DIE Antwort, sondern eine von vielen… Aber eine, mit der ich leben kann….

Warum male ich so viele tote Menschen?

Heute kann man immer und überall Fotos machen. Jeden Moment kann man bildlich festhalten. Jede Sekunde verewigen. Wir schaffen mit den Fotos Beweise des Lebens und speichern sie auf Festplatten ab, weil die Wand für all diese Fotos muss noch gebaut werden. Unendlich hoch und unendlich breit. Es kommen immer mehr Fotos dazu… aber irgendwann gibt es keine Fotos mehr…. Der Mensch ist fort. Verschwunden. Einfach weg… für immer… Aber es gibt Fotos von ihm. Schöne, lustige, verwackelte und manchmal auch hässliche… Dennoch wünschen sich manche Menschen mehr. Vielleicht weil Fotos eben doch nur das sind: Momentaufnahmen. Egal wie gut ein Fotograf ist, so kann er doch nur auf den Auslöser drücken und das festhalten, was in dem Moment Realität ist. Dies kann durchaus auch Kunst sein. Er kann den Moment künstlerisch gestalten und einfangen. Aber ein Mensch ist nicht nur ein Moment. Er ist all diese Abermillionen Momente, die er in seinem Leben erlebt hat. Das und noch viel mehr. Und egal wie wunderbar der Fotograf das Foto dann noch nachträglich bearbeitet und ein Kunstwerk erschafft, es bleibt der aufgezeichnete Moment, der in ein Kunstwerk umgewandelt oder erweitert wird. Die Person darauf ist Teil des Kunstwerkes. Wunderschön und etwas sehr Besonderes. Aber es bleibt dieser eine Moment von der Person. Bekomme ich, oder auch ein anderer Künstler, dann diese Momentaufnahme mit dem Auftrag es zu malen, entsteht – so glaube ich zumindest – etwas Neues. Denn der Künstler bildet den Moment nicht nur erneut ab, sondern er gibt etwas dazu. Das Malen eines Bildes kostet Zeit und die berühmte Muse. Ist es das, was wir dazu geben? Ist es etwas von uns selbst? Oder ist es etwas mehr. Fängt man dabei etwas ein? Wie der Traumfänger die Träume? Zugegeben ich weiß es nicht. Aber der Prozess des Malens ist intensiv. Schicht für Schicht entsteht aus dem Nichts ein Bild. Eine Gestalt, eine Person. Stunden über Stunden stehe ich mit der Person auf dem Bild in Kontakt. Ich erforsche sie genau, damit sie auf meinem Papier entstehen kann. Ich messe jeder Falte eine Bedeutung zu. Jeder Farbnuance. Meine Gedanken haften dabei an der Person und sie bekommt von mir eine Geschichte. Jeder Schatten bringt sie mehr hervor Es summt in mir. Die Zeit fliegt davon. Im Zwiegespräch mit Pinsel und Foto. Papier und Farbe. Hände und Kopf. Vergangenheit und Gegenwart… Dieser Prozess ist etwas Lebendiges. Am Malen ist nichts Künstliches. Es ist echt. Wahr. Schön… Es entsteht aus einem Foto ein Gemälde….
Vielleicht ist es das, was wir dann im Vergleich zu dem Foto sehen. Vielleicht ist das der Grund, warum die Malerei trotz all der Digitalisierung überlebt hat. Vielleicht ist das der Grund, warum ich so viele tote Menschen male…